
Dieses Porträt handelt von Chiara Petrucci: Eine junge Frau, die den Kampf gegen den Brustkrebs gewonnen hat. Sie spricht offen über ihre persönlichen Erfahrungen und teilt ihre Geschichte.
Bildquelle: Chiara Petrucci
„Seit der Aperol-Chemo habe ich ein Eiswürfel-Trauma“
Als Chiara Petrucci Anzeichen für einen Tumor bemerkte, sagten ihr die Ärzt:innen, sie sei zu jung für Brustkrebs. Chiara liess sich nicht abwimmeln und lag in ihrer Vermutung richtig. Ein Porträt über Intuition, den Mut, für sich selbst einzustehen, und darüber, wie Petruccis Persönlichkeit ihr verhalf, die Krankheit zu bewältigen.
Niemand sei für dich da wie du selbst, sagt Chiara Petrucci. Sie legt ihren linken Unterarm auf den Schreibtisch, blickt auf, richtet ihren Zeigefinger auf sich. «Nicht wir sind durch den Krebs, ich bin es», sagt sie, «ich habe es geschafft, nicht wir.» Diese Worte sagt Petrucci vier Monate nach Überwindung des Brustkrebses. Mit 24 Jahren musste sie erfahren, was es bedeutet, an Krebs zu erkranken.
Es ist acht Uhr morgens. Draussen ist es kühl, ein leichter Wind zieht durch Petruccis Wohnquartier. Ihr zu Hause liegt im Schatten, bevor die Mittagssonne die 5.5-Zimmer-Wohnung erhellt. Auch ihr Schlafzimmer, in dem sie einen Grossteil ihrer Krankheit verbracht hat.
Wenn das Bauchgefühl Alarm schlägt
«Ich war in einem Loch und musste mich psychisch aufraffen», sagt sie. Während dieser sechs Monate sei sie nicht präsent gewesen. «Jetzt musst du deinen Arsch hochkriegen», dachte sie sich, «es muss weitergehen.» Alles begann damit, dass Petrucci ihre Hausärztin unzählige Male aufsuchte, um die Ursache ihrer Brustbeschwerden – darunter Herzrasen und Brustziehen – abklären zu lassen. Ohne sie untersucht zu haben, habe Petruccis Ärztin ihre Symptome als muskulär abgeschrieben: «Frau Petrucci, Sie sind jung und gesund», sagte sie, «bitte unterlassen Sie einen weiteren Arztbesuch.»
Doch Petruccis Bauchgefühl sagte ihr etwas anderes: «Ich spüre, dass etwas nicht stimmt, bitte untersuchen Sie mich doch», dachte sie. Petruccis Stimme wird leiser, sie senkt ihren Kopf und schaut auf den Fussboden. Kurze Zeit später habe sie einen Knubbel in ihrer linken Brust bemerkt. Petruccis Gynäkologin habe sie darauf hingewiesen, ihren Zyklus abzuwarten. Es könne sich um eine Zyste handeln. «Das kann doch nicht wahr sein», dachte sich Petrucci. Sie liess nicht locker und bestand auf eine zusätzliche Untersuchung.
Mit Liebe und Kraft durch die schweren Zeiten
Ein Ultraschall und eine Biopsie später steht fest: Petrucci hat Brustkrebst. Durch die schnell streuenden Krebszellen haben Fachärzt:innen zwei Tumoren identifizieren können. Während Petruccis Mutter nach Erhalt der Diagnose in Tränen ausgebrochen sei, blieben sie und ihr Vater gefasst. Ihr Vater hatte ab diesem Zeitpunkt nur noch einen Gedanken: «Chiara, jetzt musst du stark sein.»
Chiara Petrucci, geboren 2000, wuchs mit ihrem älteren Bruder als Kind getrennter Eltern bei ihrer Mutter auf. Die Mutter, eine Altenpflegerin aus Stettlen, arbeitet im Nachdienst. Der Vater, Sohn italienischer Immigranten, führt neben seinem Vollzeitjob im Büro mehrere eigene Unternehmen in der Gastronomie. Chiara ist die einzige Tochter ihres Vaters, der sechs Kinder im Alter von 7 bis 31 Jahren hat. Seit Ausbruch der Krankheit wohnt sie mit ihren zwei jüngsten Brüdern bei ihrem Vater in Bern.
«Hier muss ich die Starke sein, auch für meine kleinen Brüder», sagt Petrucci. Sie habe sich nicht frei gefühlt, ihre Emotionen zulassen und auch einmal weinen zu können. Mit Partner Emre ist Petrucci seit Sommer 2023 in einer Beziehung. «Und er ist immer noch da, auch nach dem Krebs», sagt sie. Nur sechs Monate waren die beiden ein Paar, als sie die Diagnose erhielt. Während eines längeren Aufenthalts in der Krebsabteilung überraschte er sie mit Kerzenlichtdinner im Spitalpark. «Ich bin mega happy, so einen Mann wünsche ich jeder Frau», sagt Petrucci lächelnd, während sie auf ihrem Smartphone durch gemeinsame Fotos scrollt. «Es ist nicht selbstverständlich, dass er an meiner Seite geblieben ist.»
Die Krankheit dauerte fast auf den Tag genau ein halbes Jahr, für Petrucci fühlte sie sich jedoch viel länger an. Den Krankheitsverlauf hat sie in ihrem Krebstagebuch mit einem Zeitstrahl visualisiert. Während des Interviews greift Petrucci immer wieder nach dem Buch und blättert durch die Seiten.
Von Überleben zu Leben
Insgesamt 16 Chemotherapien musste Petrucci durchlaufen. Die letzten Vier seien stärker dosiert und orangefarben gewesen. Sie lacht und bezeichnet Diese als «Aperol-Spritz-Chemos». Um ihre Mundschleimhäute zu schützen, musste Petrucci während der Infusion Eiswürfel im Mund zergehen lassen. Der eisige Geschmack sei so unangenehm gewesen, dass sie bis heute Getränke jeglicher Art nur ohne Eiswürfel trinken könne. «Seit der Aperol-Chemo habe ich ein Eiswürfel-Trauma.»
Petrucci sei schon immer ein positiver Mensch gewesen und habe schwierige Situationen nie an sich herangelassen. «Mein Optimismus hat mich gerettet.» Ab und an sage sie sich: «Weisst du eigentlich, was für eine geile Sau du bist? Du hast so viel geschafft.» Trotzdem könne sie bis heute nicht realisieren, dass sie an Brustkrebs gelitten hat. «Das Bewusstsein dafür kommt sicher noch», sagt sie lächelnd.
Seit ihrer Heilung lebe sie mehr im Moment. Es freue sie, im Alltag wieder präsent sein zu können. Petrucci sitzt mit geschlossenen Augen draussen auf ihrer Gartenbank, ihre Arme umschlingen ihre angewinkelten Beine. Die Strahlen der Mittagssonne leuchten jetzt direkt auf sie und ihr zu Hause. Ihr Cardigan hängt leicht von ihrer Schulter, während sie sich über die Wärme der Sonnenstrahlen erfreut. «Endlich kann ich das Leben mit all meinen Sinnen wieder geniessen.»

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