
Wie sieht eigentlich ein Alltag in einer Montessori-Einrichtung aus? Und wie spiegelt sich das Bildungskonzept in der Realität wider?
Diese Reportage gibt Aufschluss darüber, wie das Kinderhaus Momo, eine Kindertagesstätte in Bellach, Solothurn, die Montessori-Pädagogik in ihre täglichen Routinen integriert.
Bildquelle: Kinderhaus Momo
Montessori mit Kompromissen: Wie eine Kita den Mittelweg geht
Freies Spiel, feste Routinen und viel Selbständigkeit – das Kinderhaus Momo setzt auf Prinzipien Maria Montessoris. Doch wie viel Montessori steckt wirklich im Alltag der Kinder? Ein Besuch in Bellachs Kita gibt Einblick.
Es ist Donnerstagmorgen 08:19 Uhr, und aus allen Ecken hört man vergnügtes Kinderlachen und das Zusammenfallen eines Legoturmes, als es plötzlich an der Eingangstüre klingelt. Alle Kinder blicken neugierig zur Tür, während ein weiteres Kitakind das Kinderhaus Momo betritt. «Hallo, guten Morgen, wie geht es dir?», fragt Serena Barbagallo, Gruppenleiterin der Gruppe Mondino und seit 07:00 Uhr hier. Was auf den ersten Blick wie eine reguläre Kindertagesstätte wirkt, ist allerdings eine, deren Ideologie auf Grundlagen der Montessori-Pädagogik basiert.
Das Kinderhaus Momo zählt aktuell 62 Kinder. 14 davon sind am heutigen Morgen in der Gruppe Mondino, die jüngsten drei, die ältesten vier Jahre alt, bis die fünf- und sechsjährigen nach dem Kindergarten zum Mittagstisch dazustossen. Die Kinder sind im ganzen Raum verteilt, einige spielen in Gruppen, während andere die Einzelarbeit bevorzugen. Aus dem angrenzenden Schlafzimmer, das morgens als Spielzimmer dient, dringt Geschrei, einige Kinder hüpfen auf den übereinander gestapelten Matratzen.
Montessori-Pädagogik wird nur in Grenzen gelebt
Die Montessori-Pädagogik ist Anfang des 20. Jahrhunderts aufgekommen, als Maria Montessori als erste Ärztin Italiens 1907 ein Kinderhaus in Rom eröffnete. Mit dem Leitsatz «Hilf mir, es selbst zu tun» geht die Montessori-Pädagogik vom selbstbestimmten einzelnen Kind aus. Die wichtigste Forderung Montessoris: Die Kinder sollen zu autonomen, mündigen Menschen heranwachsen. Für Michelle Meister, Betriebsleiterin des Kinderhauses Momo und Dipl. Kindheitspädagogin mit Zertifikatskurs Montessori, ist diese Haltung zentral. «Die Kinder sollen die Möglichkeit haben, bei täglichen Routinen mithelfen zu dürfen. Mein oberstes Ziel ist es, dass sich jedes Kind nach seinem eigenen inneren Bauplan entwickeln kann und dass die Kinder gerne zu uns kommen.»
Der Alltag im Kinderhaus Momo ähnelt allerdings dem einer regulären Kita. Eine Mischform aus freiem Spiel, angeleitetem Arbeiten und Gruppenaktivitäten prägt hier den Alltag. Der Tagesablauf in Montessori-Einrichtungen besteht jedoch oftmals aus einem längeren ungestörten Arbeitszyklus, in dem die Kinder das ganze Jahr über in einer festen Gruppe von Kindern sind und eigenständig arbeiten. Für Meister ist klar: Gerade in einer Kita könne man die Pädagogik nicht gleich ausleben wie in anderen Montessori-Einrichtungen. «Hier haben wir einen ständigen Wechsel der Kinder», sagt Meister. Sie versuche eine gesunde Mitte zwischen der Montessori-Pädagogik und dem Kitaalltag zu fördern.
Ein Beispiel für die Umsetzung Montessoris Grundlagen sei das Mithelfen lassen. Unter Aufsicht der Betreuer:innen dürfen die Kinder Obst und Gemüse mit kindergerechtem Besteck schneiden und für den Mittag auftischen. «Die meisten Kinder machen das toll. Sie sind stolz darauf, selbst anpacken zu dürfen», sagt Barbagallo. Das tägliche Einüben fördere die Feinmotorik und Selbständigkeit der Kinder, was Ansätze der Montessori-Pädagogik widerspiegle. Die meisten Kitas würden dies anders handhaben. «Hier haben die Kinder kleine Krüge und Gläser, aus denen sie selbst schenken und schöpfen dürfen», fügt Barbagallo hinzu.
Sobald das letzte Kind fertig zu Mittag gegessen hat, endet die Mittagszeit. Heute endet sie um 12:15 Uhr, bevor einige Kinder Siesta machen. Für diejenigen, die keinen Mittagschlaf benötigen, folgt das ruhige Spielen. Es wird ruhiger und ruhiger in der Gruppe Mondino. Einzig aus dem Raum nebenan, in dem die Gruppe Nido haust, ist ein weinendes Baby zu hören. Kleinkinder und Babys ab vier Monate sind im Nido untergebracht. Das ruhige Spielen bei den Kleinsten der Kita biete eine gute Rückzugsmöglichkeit, besonders für die verhaltensauffälligen Kinder der Gruppe Mondino, sagt Barbagallo.
Inklusion von verhaltensauffälligen Kindern
Mit drei Kleinkindern auf dem Schoss und M., einem Jungen des Mondinos nebenan, schaut Mitarbeiterin Nicole Vogel ein Buch an. Aus Datenschutzgründen bleibt M. in dieser Reportage anonym. «Du darfst gerne Lesen, wenn du möchtest», sagt Vogel zu M. «I-ah! I-ah!» macht er, während er über das Eselsfellstück des Buches streicht. M. ist eines von vier Kindern, die Verhaltensauffälligkeiten aufweisen. Er sei oftmals laut, aufgedreht und benötige viel Aufmerksamkeit der Betreuer:innen. «Wenn er etwas Ruhiges machen kann, tut ihm das gut», sagt Vogel. Durch das Miteinander in einer jüngeren Gruppe würden die sozialen Fähigkeiten gefördert, gleichzeitig würden alle Kinder voneinander lernen können. Die Inklusion von sozial auffälligen Kindern sei deswegen Montessori-spezifisch, weil sie sich – unter anderem durch die unterstützende Lernumgebung – angenommen fühlen würden.
«Schuhe anziehen, wir gehen in den Garten», sagt Barbagallo. Es ist 14:00 Uhr – freies Spiel draussen – und M. ist zurück bei den Kindern des Mondinos. Es ist ein warmer, sonniger Nachmittag. Betriebsleiterin Meister beaufsichtigt mit ihren Kolleg:innen die Kinder, die sich im Kitagarten austoben. Sei es ein Like a bike, ein Bagger oder ein Trottinett – keines der Spielfahrzeuge bleibt unbenutzt, als es am Haupteingang klingelt. Barbagallo begleitet ein Mädchen, das von seiner Mutter abgeholt wird, zur Tür. «Tschüss, bis morgen», sagt das Mädchen und winkt Barbagallo zum Abschied, bevor sie die Eingangstüre schliesst.

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